Mein Rausschmiss

Mit 16 Jahren bin ich zu Hause rausgeflogen, meine Eltern waren streng religiös. Ein rebellierenden Teenager, konnten meine Eltern nicht gebrauchen. Ich war eigentlich immer darauf bedacht meinen Eltern zu gefallenen,  aber meine Religion wollte ich selbstbestimmt aussuchen. 

Als ich mich für den Buddhismus interesierte und Kurt Cobain hörte, reichte es meinen Eltern. Meine Mutter gab mir eine Stunde um meine Sachen zu packen. Ich brauchte nur ein paar Minuten um meinen Rucksack zu befüllen und machte mich auf den Weg zu einer Freundin. Zwei Jahre lang lebte ich bei Freunden, wenn es der jeweiligen Familie zu viel wurde, wechselte ich meine Bleibe.

Diese zwei Jahre hatte ich kein Geld und war immer von der Hilfe anderer Menschen angewiesen,  als ich endlich achtzehn Jahre alt war, mietete ich eine 1 Zimmer Wohnung in Hamburg. Es war ein Traum. Nach zwei Jahren, ohne richtiges Zuhause war ich endlich angekommen. 

Es fehlte mir an allem, ich hatte weder einen Kühlschrank,  noch ein Bett. Die erste Nacht verbrachte ich auf einer Matratze. Eltern meiner Freunde sammelten für mich, so bekam ich nach und nach, einen Tisch, Geschirr und Teller und sogar einen Schrank.

Da es Winter war verlegte ich den Kühlschrank auf meinen Minibalkon. Ich war glücklich, endlich konnte ich das Leben beginnen, dass ich mir wünschte.

Zu der Zeit machte ich eine Ausbildung als Arzthelferin,  das Geld reichte grade so für die Miete und Nahrungsmittel. Ich war einsam,  ich hatte fast keinen Kontakt mit meinen Eltern, sie schämten sich für mich. Das einzige was mir half war das Schreiben. 

Als ich schwanger wurde, lebte ich immer noch in der kleinen Wohnung,  verzweifelt und völlig überfordert mit der Situation.  Ich entschied mich das Kind zu bekommen. Ich weinte nächtelang,  was konnte ich diesem Kind schon bieten, mit 19 Jahren, war ich schon eine gescheiterte Existenz…

Wie ich fast meine Wohnung verlor

Ich war alleinerziehend mit einem autistischen Kind, psychisch labil und völlig auf mich allein gestellt. Ich habe alles verloren und hatte nicht die Energie zum Amt zu gehen, so ging das drei Monate. Mein Sohn und ich lebten vom Kindergeld und dem Unterhalt. 

Ich war zahlungsunfähig.  Ich bezahlte keine Miete und keinen Strom, drei Monate, verdrängte ich die Briefe des Vermieters und des Stromanbieters. Eines Tages, es war ein Freitag,  kamen wir nach Hause und der Strom war abgestellt. Ich erklärte meinem Sohn, der Strom sei kaputt, wir kauften Kerzen und spielten den ganzen Abend lang Brettspiele,  für den kleinen war es ein Abenteuer,  für mich ein Versagen auf ganzer Linie. Ich war so verzweifelt,  wie sollte ich das Geld zusammen sammeln?

Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen und mir Gedanken gemacht, wie ich an Geld kommen könnte. Ich wusste, wenn ich nicht bald eine Lösung finden würde , würde ich alles verlieren. 

Ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt meinen Körper zu verkaufen, eine Scheinehe einzugehen, oder kriminell zu werden, aber es fehlte mir die Kraft.

In der zweiten schlaflosen Nacht, öffnete ich die vielen Briefe des Vermieters, ich konnte es nicht fassen, schon am Montag würden wir eine Zwangsräumung erleben,  ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Ich packte die wichtigsten Dinge zusammen und brachte meinen Sohn in die Kita, ich wusste wir könnten nie wieder zurück in unser Zu Hause.

Um 16 Uhr holte ich meinen Sohn aus der kita ab, wir fuhren zum Hauptbahnhof,  mit meinem letzten Geld, wollte ich so weit weg wie möglich fahren, am liebsten ins Ausland. Mein Handy war den ganzen Tag auf lautlos gestellt, ich wollte mit niemanden sprechen.

Als ich auf mein Handy schaute, waren da viele verpasste Anrufe, auch von meinem Vater.  Er hat eine sms geschrieben,  dort stand nur drin ,, geh nach Hause, es ist alles geklärt.“

Wie der Vermieter meinen Vater ausfindig gemacht hat, weiß ich nicht, aber wir konnten zurück in die Wohnung. Das Telefonat mit meinem Vater, war das schwerste das ich je hatte. Er weinte und ich wusste nicht was ich sagen sollte.

Das Amt für Wohnungsnotfälle übernahm meine Mietschulden und auch die Stromkosten, ich war so erleichtert und trotzdem voller Scham.

Kämpfe

Die letzten zwei Wochen ging es mir schlecht.Ich war niedergeschlagen und konnte mich über nichts freuen, mir war übel, ich hatte gar kein Gefühl mehr zu mir selbst. Ich dachte, dass alle Kämpfe, die ich mit mir selbst ausgefochten habe umsonst waren. Es war mein schlimmster Rückfall, den ich seit langem hatte.

 Das Schreiben fiel mir schwer. Zwar versuchte ich meine Gefühle in Worte zu fassen, doch alles was ich schrieb, war im gleichen Moment verworfen.

Ich versuchte, nicht zu hart mit mir selbst zu sein, trotzdem am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen,  aber als ich unter Menschen kam, fühlte ich die gleiche Schwere, es gab Nichts zu sagen. In diesen Momenten fühle ich mich wertlos, ich konnte nichts zurückgeben und niemand  zu mir durchdringen. 

Ich saß einfach nur da, stundenlang tat ich nichts, meine Existenz machte mich wütend. Ich wünschte ich wäre nie geboren. Unaussprechlich für die, die mich lieben.

Heute wachte ich auf und die Welt war wieder so bunt, wie ich sie erinnerte  und ich erkannte wieder meinen Sinn. Einfach so. 

stapelweise ungeöffnete Briefe 

Jede Woche flattern Briefe in meinen Kasten. Ich nehme sie aus dem Briefkasten und lege sie ungeöffnet in eigens dafür eingerichtete Verstecke. Es sind so viele, dass ich es aufgegeben habe sie zu sortieren. Es sind Briefe von ganz unterschiedlichen Inkassofirmen. 

In diesem Momenten , wird mir immer bewusst, dass ich mein Leben überhaupt nicht unter Kontrolle habe, ich bin unfähig, mich meiner Vergangenheit zu stellen. Ich übernehme keine Verantwortung für diese Briefe, sobald der Brief im Versteck liegt, existiert er nicht mehr für mich.

Ich habe Schulden, es sind meist Kleinigkeiten und niedrige Beiträge, die sich nach Jahren der Nichtbeachtung  zu einem riesenhaufen an Zinsen sumiert haben.

Was soll ich sagen da ist ein großes Schamgefühl,  ich schäme mich.

Und was kommt nach dem Ziel?

Viele Jahre lang, habe ich für meine Ziele gearbeitet. Es war wirklich schwer, als junge Mutter, ohne Unterstützung der Familie meine Abschlüsse nachzuholen und zwei Ausbildungen abzuschließen. 

Vor 6 Jahren habe ich begonnen meinen Realschulabschluss extern nachzuholen.Es war furchtbar, die Maßnahme lief übers Arbeitsamt und die meisten meiner Klassenkameraden haben mich mehr angestrengt, als der eigentliche Lernstoff.

Ich habe immer wieder durchgehalten, trotz psychischer Krisen, nervigen Klassenkameraden und einem schlechten Gewissen meinem Sohn gegenüber.Als ich endlich mein Fachabi und meine Ausbildungen in der Tasche hatte, hat es sich nicht so angefühlt, wie ich es erwartet habe.

Ich dachte immer, die Perpektivlosigkeit und mein schlechter Selbstwert, liegen an der Ursache, dass ich nur einen Hauptschulabschluss hatte, doch jetzt sechs Jahre später fange ich an zu begreifen, dass der Weg mehr Freude bereitete als am Ziel zu sein und in meinem Traumberuf zu arbeiten .

Nachdem ich 1,5 Jahre in meinem  Traumberuf als Erzieherin arbeitete, war ich völlig desillusioniert, die Kollegen/innen waren ausgebrannt und unzufrieden, niemand hatte wirklich Interesse pädagogisch zu arbeiten. Ich wusste nicht, dass die Arbeitswelt so grausam ist.

Seit kurzem mache ich eine Auszeit und mir wird immer klarer,dass ich nicht weiter im Kindergarten arbeiten möchte, wenn ich nur an einer Einrichtung vorbeilaufe, kann ich mir nicht mehr vorstellen, in diesem Arbeitsfeld meine Erfüllung zu finden.

Zwei Welten


Schon als kleines Mädchen, fürchtete ich nichts mehr als die Hölle, das Ziel war niemals an diesen schrecklichen Ort zu kommen. Die Hölle ist ein Ort, wo es nur Leid und Schmerz gibt, da waren sich meine Eltern sicher. Das wichtigste im Leben, war nicht das Leben selbst, sondern das was auf den Tod folgt. Meine Eltern waren besessen von dem Gedanken ,  dass alle ihre Kinder einen Weg mit Gott einschlagen, dies löste in mir starke Versagensängste aus. Ich tat alles, um meinen Eltern zu gefallen, aber ich war nie gut genug.

Viel schlimmer aber waren die Dämonen, die sich nachts in mein Zimmer schlichen und mich wach hielten. Sie zischten, flüsterten und sahen furchteregend aus. 

Ich habe immer wieder Teufelsaustreibungen beobachtet und an ihnen teilgenommen, es lief mir jedes mal ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich die Fratze des bösen erblickte.

Heute habe ich große Probleme, das gesehene einzuordnen. Ich bin immer noch unsicher, ob es diese Wesen gibt, die mich in meiner Kindheit nicht schlafen ließen. 

In der Welt aus der ich komme, glaubt der Mensch an Hexen, Zauberer und Dämonen, er glaubt daran, dass der Teufel einen auf die dunkle Seite ziehen möchte, damit man ewig in der Verdammnis leidet. Er glaubt daran, dass tanzen, trinken und Lügen egal welcher Art Sünde ist und mit dem Höllenfeuer bestraft wird. In der Welt glaubt man, dass Dämonen in die Körper der ungläubigen fahren und diese Dämonen, den Menschen steuern. In dieser Welt denkt jeder, dass die Menschen aus der anderen Welt für immer verloren sind.

In der Welt in der ich jetzt lebe, glauben meistens nur die Kinder an Monster und Geister, die Eltern können beruhigen,  denn in dieser Welt gibt es sowas nicht, bloß in Filmen. Die Menschen in dieser Welt, glauben an weiße Lügen, sie glauben, dass vieleicht Nichts kommt nach dem Tod, oder jeder kommt in den Himmel, in dieser Welt gibt es kein festes Regelwerk, an das ich mich klammern kann, ich darf mir aussuchen, was ich glauben möchte.

Ich denke ich werde immer in diesen beiden Welten zu Hause sein, auch wenn ich mir wünsche, dass ich die erste Welt nie betreten hätte.

schwarzundbunt 

Dort wo ich herkomme, existiert eine Welt, die so unglaublich verrückt ist,dass niemand, der jemals selbst in Ihr war, Sie wirklich verstehen kann.

Ich bin ein Sektenkind,  das Schreiben hilft mir, mich selbst zu finden, Frieden zu finden, meine Gedanken zu ordnen und alles auszuschreiben,  was ich nicht aussprechen kann.

Ich möchte meine neue Welt kennenlernen und seine Spielregeln.

Ich möchte ohne Angst um meine Existenz leben, ohne nur zu überleben.

Ich habe Angst vor Veränderungen,  Angst vor der Einsamkeit,  Angst vor dem Bösen in mir und in euch.