In jedem Menschen steckt ein Künstler 

Schon in der Grundschule war Kunst mein absolutes Hassfach. Sobald ein Lehrer nur in die Nähe meines Kunstwerks kam, versuchte ich dieses schnell unter den Tisch zu schieben, damit ich nicht wieder die Häme meines Lehrers zu spüren bekam. Meine Bilder sahen aus, wie Kleinkindkritzeleien. Das sah ich auch ein. 

In meiner Ausbildung begegnete ich einer Kunsttherapeutin, sie war die erste, die mich ermutigte weiterzumalen. Ich fing an meine Werke zu schätzen, auch wenn sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprachen. 

Heute weiß ich, dass die Lehrkörper in meiner Schulzeit unrecht hatten, denn ein Kunstwerk, kann nicht benotet werden, es lebt von dem Gefühl des Künstlers und ist somit immer Ausdruck der Lebenswelt des Künstlers. Menschen und vor allen Kinder zu entmutigen und zu entwerten, kann nicht richtig sein.

Ich bemerkte, dass  durch das Malen, meine tiefsten Ängste zum Vorschein kamen, die Dinge, die ich fühlte und nicht aussprechen konnte, lagen vor mir auf dem Papier, das gab mir ein komisches Gefühl, denn von den Werken fühlte ich mich verstanden. Jetzt verstand ich, warum Menschen malten, es ging nie darum, was andere über meine Kritzeleien dachten, sondern darum, was ich in meinen Werken sehe und fühle. 

Wie ich mir das Leben nehmen wollte

In letzter Zeit kommen bei mir immer mehr Erinnerungen hoch. Jahrelang waren sie mir nicht bewusst.Als ich drei Jahre alt war starb meine kleine Schwester. Wir waren als Familie zu Besuch bei Freunden in Bayern. Ich habe mich sehr auf den Kurztrip gefreut. 

In dem Kofferraum unseres Autos wurde ein provisorisches Bett gebaut, ich wurde mit meiner kleinen Schwester und meinem kleinen Bruder ins Auto verfrachtet. Ich wurde von lauten Schreien geweckt, meine kleine Schwester war tod.

Sie lag einfach da, sie war kalt,meine Mutter schüttelte sie, aber es war zu spät, sie hat einfach zu atmen aufgehört und ich habe einfach geschlafen,  ich fühlte mich verantwortlich. 

Meine Eltern erklärten mir sie sei im Himmel,  Gott wollte sie bei sich haben. Ich war neidisch und fragte mich, warum Gott mich nicht bei sich haben wollte. Ich wollte zu meiner Schwester, es tat mir so leid, dass ich ihr nicht helfen konnte, dass ich nicht gut genug aufgepasst habe.

Unsere Nachbarn hatten einen Teich. Meine Eltern haben mir verboten, in den Garten der Nachbarn zu gehen, sie erklärten mir, dass das Wasser nicht tief sein muss, um zu ertrinken. 

Es war Winter und der Schnee lag knöchelhoch, meine Mutter war im Haushalt beschäftigt,  ich lief zum Nachbargrundstück und näherte mich dem Teich, er sah nicht gefährlich aus. Ich setzte mich an den Teich und beobachtete die orangenen Fische.

Ich kippte nach vorn, danach gab es nur kälte ich kämpfte nicht dagegen an, ich ließ mich einfach fallen, ich wusste bald bin ich bei meiner Schwester und bei Gott.

Meine nächste Erinnerung ist,  dass ich auf dem Sofa zu mir kam. Ich konnte meinen Eltern nicht sagen, dass ich absichtlich gesprungen bin, ich schämte mich. Ich weiß nur, dass ich bedauerte und mich ärgerte es nicht geschafft zu haben.

Papa ist tod

Es war ein ganz normaler Samstag, wie jeder andere auch. Mein kleiner Bruder war zu Besuch und wir waren in diesem kleinen Skateladen in Hamburg. Einen Tag vorher habe ich noch mit meinem Vater telefoniert,  ich war kurz angebunden, da ich grade in der Bûcherhalle war und dort telefonieren strengstens verboten war.

Ihn schien irgendetwas zu bedrücken, wir beendeten das Gespräch und verschoben das Telefonat auf Sonntag, wie hätte ich wissen können, dass es das letzte Mal war, dass ich die Stimme meines Vaters hörte.

An dem Samstag war ich grade dabei für die Jungs zu kochen, das Telefon klingelte, es war meine große Schwester. Da sie nur zu meinen Geburtstagen anrief, versuchte ich meine Mutter zu erreichen, als sie endlich den Hörer abnahm, sagte sie bloß ,,Papa ist tod, du brauchst nicht traurig sein.“

In meinem Kopf drehte sich alles, ich musste zur Toilette, mir war so übel, ich kotzte mir die Seele aus dem Leib. Ich wusste nicht, wie ich meinem Bruder beibringen konnte, dass unser Papa gestorben ist. Er hatte einen Herzinfarkt auf dem Sofa, jeder Wiederbelebungsversuch scheiterte.

Mein kleiner Bruder merkte , dass etwas nicht stimmt und ich sagte es einfach wie es ist. ,,Papa ist tod.“ Wir hielten uns ganz fest, es gab nichts was ich tun konnte, wir liefen rauß zum Deich, mein Bruder schrie und ich lief ihm einfach hinterher. Ich fühlte Nichts.

So ist also das Leben,  es reißt einen einfach heraus, ohne zu fragen, ohne irgendeine Verantwortung zu übernehmen,  es ist einfach vorbei.

Mein Rausschmiss

Mit 16 Jahren bin ich zu Hause rausgeflogen, meine Eltern waren streng religiös. Ein rebellierenden Teenager, konnten meine Eltern nicht gebrauchen. Ich war eigentlich immer darauf bedacht meinen Eltern zu gefallenen,  aber meine Religion wollte ich selbstbestimmt aussuchen. 

Als ich mich für den Buddhismus interesierte und Kurt Cobain hörte, reichte es meinen Eltern. Meine Mutter gab mir eine Stunde um meine Sachen zu packen. Ich brauchte nur ein paar Minuten um meinen Rucksack zu befüllen und machte mich auf den Weg zu einer Freundin. Zwei Jahre lang lebte ich bei Freunden, wenn es der jeweiligen Familie zu viel wurde, wechselte ich meine Bleibe.

Diese zwei Jahre hatte ich kein Geld und war immer von der Hilfe anderer Menschen angewiesen,  als ich endlich achtzehn Jahre alt war, mietete ich eine 1 Zimmer Wohnung in Hamburg. Es war ein Traum. Nach zwei Jahren, ohne richtiges Zuhause war ich endlich angekommen. 

Es fehlte mir an allem, ich hatte weder einen Kühlschrank,  noch ein Bett. Die erste Nacht verbrachte ich auf einer Matratze. Eltern meiner Freunde sammelten für mich, so bekam ich nach und nach, einen Tisch, Geschirr und Teller und sogar einen Schrank.

Da es Winter war verlegte ich den Kühlschrank auf meinen Minibalkon. Ich war glücklich, endlich konnte ich das Leben beginnen, dass ich mir wünschte.

Zu der Zeit machte ich eine Ausbildung als Arzthelferin,  das Geld reichte grade so für die Miete und Nahrungsmittel. Ich war einsam,  ich hatte fast keinen Kontakt mit meinen Eltern, sie schämten sich für mich. Das einzige was mir half war das Schreiben. 

Als ich schwanger wurde, lebte ich immer noch in der kleinen Wohnung,  verzweifelt und völlig überfordert mit der Situation.  Ich entschied mich das Kind zu bekommen. Ich weinte nächtelang,  was konnte ich diesem Kind schon bieten, mit 19 Jahren, war ich schon eine gescheiterte Existenz…

Wie ich fast meine Wohnung verlor

Ich war alleinerziehend mit einem autistischen Kind, psychisch labil und völlig auf mich allein gestellt. Ich habe alles verloren und hatte nicht die Energie zum Amt zu gehen, so ging das drei Monate. Mein Sohn und ich lebten vom Kindergeld und dem Unterhalt. 

Ich war zahlungsunfähig.  Ich bezahlte keine Miete und keinen Strom, drei Monate, verdrängte ich die Briefe des Vermieters und des Stromanbieters. Eines Tages, es war ein Freitag,  kamen wir nach Hause und der Strom war abgestellt. Ich erklärte meinem Sohn, der Strom sei kaputt, wir kauften Kerzen und spielten den ganzen Abend lang Brettspiele,  für den kleinen war es ein Abenteuer,  für mich ein Versagen auf ganzer Linie. Ich war so verzweifelt,  wie sollte ich das Geld zusammen sammeln?

Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen und mir Gedanken gemacht, wie ich an Geld kommen könnte. Ich wusste, wenn ich nicht bald eine Lösung finden würde , würde ich alles verlieren. 

Ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt meinen Körper zu verkaufen, eine Scheinehe einzugehen, oder kriminell zu werden, aber es fehlte mir die Kraft.

In der zweiten schlaflosen Nacht, öffnete ich die vielen Briefe des Vermieters, ich konnte es nicht fassen, schon am Montag würden wir eine Zwangsräumung erleben,  ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Ich packte die wichtigsten Dinge zusammen und brachte meinen Sohn in die Kita, ich wusste wir könnten nie wieder zurück in unser Zu Hause.

Um 16 Uhr holte ich meinen Sohn aus der kita ab, wir fuhren zum Hauptbahnhof,  mit meinem letzten Geld, wollte ich so weit weg wie möglich fahren, am liebsten ins Ausland. Mein Handy war den ganzen Tag auf lautlos gestellt, ich wollte mit niemanden sprechen.

Als ich auf mein Handy schaute, waren da viele verpasste Anrufe, auch von meinem Vater.  Er hat eine sms geschrieben,  dort stand nur drin ,, geh nach Hause, es ist alles geklärt.“

Wie der Vermieter meinen Vater ausfindig gemacht hat, weiß ich nicht, aber wir konnten zurück in die Wohnung. Das Telefonat mit meinem Vater, war das schwerste das ich je hatte. Er weinte und ich wusste nicht was ich sagen sollte.

Das Amt für Wohnungsnotfälle übernahm meine Mietschulden und auch die Stromkosten, ich war so erleichtert und trotzdem voller Scham.

Kämpfe

Die letzten zwei Wochen ging es mir schlecht.Ich war niedergeschlagen und konnte mich über nichts freuen, mir war übel, ich hatte gar kein Gefühl mehr zu mir selbst. Ich dachte, dass alle Kämpfe, die ich mit mir selbst ausgefochten habe umsonst waren. Es war mein schlimmster Rückfall, den ich seit langem hatte.

 Das Schreiben fiel mir schwer. Zwar versuchte ich meine Gefühle in Worte zu fassen, doch alles was ich schrieb, war im gleichen Moment verworfen.

Ich versuchte, nicht zu hart mit mir selbst zu sein, trotzdem am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen,  aber als ich unter Menschen kam, fühlte ich die gleiche Schwere, es gab Nichts zu sagen. In diesen Momenten fühle ich mich wertlos, ich konnte nichts zurückgeben und niemand  zu mir durchdringen. 

Ich saß einfach nur da, stundenlang tat ich nichts, meine Existenz machte mich wütend. Ich wünschte ich wäre nie geboren. Unaussprechlich für die, die mich lieben.

Heute wachte ich auf und die Welt war wieder so bunt, wie ich sie erinnerte  und ich erkannte wieder meinen Sinn. Einfach so. 

stapelweise ungeöffnete Briefe 

Jede Woche flattern Briefe in meinen Kasten. Ich nehme sie aus dem Briefkasten und lege sie ungeöffnet in eigens dafür eingerichtete Verstecke. Es sind so viele, dass ich es aufgegeben habe sie zu sortieren. Es sind Briefe von ganz unterschiedlichen Inkassofirmen. 

In diesem Momenten , wird mir immer bewusst, dass ich mein Leben überhaupt nicht unter Kontrolle habe, ich bin unfähig, mich meiner Vergangenheit zu stellen. Ich übernehme keine Verantwortung für diese Briefe, sobald der Brief im Versteck liegt, existiert er nicht mehr für mich.

Ich habe Schulden, es sind meist Kleinigkeiten und niedrige Beiträge, die sich nach Jahren der Nichtbeachtung  zu einem riesenhaufen an Zinsen sumiert haben.

Was soll ich sagen da ist ein großes Schamgefühl,  ich schäme mich.